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Artikel zum Jubiläum:


Sämtliche 12 Aufführungen ausverkauft – tolle Resonanz bei ‚Kaiserwetter‘

Eine unglaubliche Resonanz erfuhr das Stationentheater „Vom Kaiserhof zum Bauernhof – Stäweilrer Gschicht(l)e“, das letztes Wochenende in Steinweiler anlässlich des 1050jährigen Ortsjubiläums der Ortsgemeinde aufgeführt wurde. Bereits Mitte der Woche waren zehn der zwölf Aufführungen ausverkauft, auf der Zielgeraden des Vorverkaufs konnten sich einige Spätentschlossene noch kurzfristig ihre Karten sichern, teilweise waren die Aufführungen auch überbelegt, leider musste auch einigen Interessenten abgesagt werden. Das von Kaiserin Adelheid bestellte ‚Kaiserwetter‘, wurde auch prompt geliefert – beste Voraussetzung für eine Open-Air-Veranstaltung.

Die 60 Darstellerinnen und Darsteller zeigten ihr ganzes Können und begeisterten die über 750 Zuschauer, die oftmals spontanen Szenenapplaus spendeten. Die Theaterwissenschaftlerin Sabine Daibel-Kaiser hatte die Handlungen der an acht Stationen aufgeführten Szenen nicht nur recherchiert und geschrieben, sondern mit den Laiendarstellern auch noch einstudiert und zur Aufführungsreife gebracht.
Mit einem Fotoshooting im Hof des Gemeindehauses starteten die Aufführungen. Neben Ortsbürgermeister Michael Detzel und Verbandsbürgermeister Volker Poß waren auch der Bundestagsabgeordnete Dr. Thomas Gebhart und Landrat Dr. Fritz Brechtel gekommen. Der Ortsbürgermeister dankte bereits zu Beginn allen Darstellerinnen und Darstellern für ihren tollen Einsatz und alle drückten den Darstellern die Daumen für ein gutes Gelingen.

Station 1: Bildungssystem

Die erste Station war die Evangelische Kirche (außen). Dort begrüßte der „Mann mit der Glocke“ die Besucher. Das Thema dort: Schule früher und heute, zu Zeiten, als der Unterricht noch nach Konfessionen getrennt war. Auch der Rohrstock kam damals reichlich zum Einsatz. Der Gemeinderat hatte zudem kein Geld für die Renovierung der Lehrerwohnung, sodass der Schullehrer an chronischem Husten litt. Außer über den schlechten Wohnungszustand erregte sich der Dorflehrer auch über „dumme Mädchen, die ja sowieso nicht rechnen können müssen“. Ebenso über den gemeinsamen Schulbesuch von evangelischen und katholischen Schülern („des geht doch gar nid“) oder eine vaterlandslose Jugend, die noch nicht einmal über den Triumph im Siebziger Krieg gegen Frankreich richtig Bescheid weiß: „Alles geht de‘ Bach nunner!“, war die resignierende Feststellung.

Station 2: Kriegsende

Die Ereignisse gegen Ende des Zweiten Weltkrieges überschlagen sich auch in Steinweiler und das Thema der Kapitulation erhält hier eine besondere lokalhistorische Brisanz. Denn die Amerikaner stehen im März 1945 auf dem Wingertsberg und beschießen Steinweiler. Kinder und Frauen flüchten in die evangelische Kirche. Ein Mann will Deutschland verteidigen, bis zum letzten Blutstropfen. Ein anderer, Fritz Bossert, hängt eine weiße Fahne auf die Kirche. Der reichstreue Deutsche holt sie wieder herunter und beschimpft alle als Vaterlandsverräter. Bossert geht mit der weißen Fahne den Amerikanern entgegen. Steinweiler wird verschont, doch die Bewohner müssen Platz machen für die Besatzer, erst für die Amerikaner, später für die Franzosen. Man haust in Nebengebäuden oder im Keller. Bossert wurde der erste Bürgermeister nach dem Krieg.
Beim Eintritt in die evangelische Kirche wurden die Besucher durch Chorgesang auf die Szene eingestimmt. Nicht nur Zeitzeugen wischten sich bei dieser Szene Tränen aus den Augen – sie wurde als die emotionalste und beeindruckendste im Stationentheater benannt.

Station 3a: Feldschütz

Nach Kriegsende herrschte erstmal Not. So brauchte man einen Feldschütz (Flurhüter), der darauf achtete, dass nur die ernteten, die auch säten. Auf dem Weg zur Station 3b forderte dieser in barschem Ton die erschrockenen Besucher auf, ihre Taschen zu öffnen und zu zeigen, dass nichts ‚drin‘ ist. Niemand traute sich, dieser Aufforderung nicht nachzukommen.
‚Mäusefang‘ dagegen – anschaulich mit Originalgerät demonstriert – wurde mit einem Pfennig pro Maus belohnt. Es gab auch Zuteilungen, zum Beispiel Nägel. Amüsiert kassierten die Besucher einen ‚Mäusepfennig‘ und bekamen abgezählt einige Lattnägel.

Station 3b: Haus Archenweyer und Tanzlokal

Gegenüber der Obergasse 42 meldete sich aus dem ältesten Haus Steinweilers ‚Archenweyer‘ – das um 1690 in der Dorfsiedlung Archenweyer abgebaute und in Steinweiler wieder aufgebaute Haus – die Stimme einer dort Eingeschlossenen, die im Haus gefangen war und befreit werden wollte. Von ihr erfuhren die Besucher viel über die Geschichte dieses Hauses.
Schwungvoll wechselte die Szenerie rüber in den Hof des ehemaligen Wirtshauses und Tanzlokals, in dem auch die ersten Tanzversuche gemacht werden konnten. Nach dem Tanz zog es die jungen Pärchen ins benachbarte ‚Poussier- oder Kunzegässel‘ – oftmals zum Missfallen der Eltern. Mehrfach entstanden hier ‚Partnerschaften fürs Leben‘. Im Hof wurden die Besucher auch spontan zu einer Tanzeinlage aufgefordert.

Station 4: Bäuerinnen unter sich

In der Obergasse 21 hielt man alle möglichen Nutztiere. Ausmisten war tägliche Arbeit. Heute mistet man dort auch, allerdings nur Pferde. Früher brauchte man die Pferde zum Pflügen, heute ist es Freizeitsport, machten die Darstellerinnen deutlich.
Dazu geben drei fleißige ‚Bäuerinnen‘ aus drei verschiedenen Epochen, die eigentlich nicht bei ihrem Tagwerk gestört werden wollen, Einblicke in ihren Arbeitsalltag. Dabei ist ihnen die Wichtigkeit ihrer eigenen Tätigkeit besonders bewusst und die beiden Konkurrentinnen haben dies gefälligst zur Kenntnis zu nehmen. „Wolld die was?“ – und – „Was wolld die?“ riefen die beiden Bäuerinnen aus vergangenen Zeiten entsetzt, als die moderne Reiterin sagte, dass ihre Pferde ‚voltigieren‘ … Eine äußerst humorvolle Szene.

Zwischenstation

Auf dem Weg zur Kreuzgasse 9 ertönte plötzlich wieder die gute alte Ortsrufanlage, mit der früher amtliche Meldungen öffentlich wurden. Die Tagesordnung der Ratssitzung wurde damit ebenso verkündet wie auch die Warnung, dass eine größere Gruppe Personen im Dorf ‚unterwegs‘ sei, vor der man sich aufgrund überhöhtem Alkoholgenuss in Acht nehmen müsse.

Station 5: Landwirtschaft und Handwerk  

Weiter ging es zur Kreuzgasse 9. In dieser Szene trafen sich Handwerker und Landwirte: der Schuhmacher, der Schmied, ein Altbauer und Jungwinzer und ein Bierbrauer. Alle sind von ihrem Beruf überzeugt, dass er zukunftsfähig ist. Aber auch ein ehemaliger Bauer, der seinen landwirtschaftlichen Betrieb aufgegeben hat und nun in der Industrie arbeitet, sowie ein ‚Personalwerber‘ für diesen Großbetrieb sind mit von der Partie.
Hier werden die sich langsam verändernden landwirtschaftlichen Strukturen aufgezeigt, aber auch, dass das traditionelle Handwerk nicht vom Wandel verschont bleibt. Und so ist manch einer darauf angewiesen, seinen Lebensunterhalt außerhalb von Steinweiler zu verdienen.
Dass jedes Handwerk durstig macht, bekamen die Besucher mehrfach demonstriert. Auch wurden die Besucher spontan und sehr erfolgreich zum Mitsingen des Liedes ‚Hejo, spann den Wagen an‘ im Kanon animiert.

Station 6: Tratsch uff de Gass

Am „scharfen Eck“ in der Haselschussgasse traf man sich regelmäßig. Hier wurde gebabbeld, getratscht, palawert, dischbudiert und sogar gesungen. Wer die neuesten Neuigkeiten aus dem Dorf erfahren wollte, musste unbedingt hierher kommen.
„Betratscht“ wurde ein Streich, den die Gesellen dem Metzgerlehrling gespielt hatten: Sie hatten die Schlachtschweine freigelassen und der Lehrling musste diese wieder einfangen. Ebenso, dass dem Sayerbäcker ‚unsauberes‘ Mehl untergejubelt werden sollte. Die Gesangseinlagen vom ‚Vogel‘ und die sich daraus ergebenden Misstöne beim ‚Sayerbäcker‘, sorgten beim Publikum für Erheiterung.

Station 7: Krankenpflege

In der katholischen Kirche betete Schwester Fidelis dafür, dass die Kirche nicht wieder abbrennt, was in der Vergangenheit mehrmals vorgekommen war. Der Kirchenbrand von 1895 wurde dabei, überschneidend mit ihrem Gebet – als Vision mit Feuergeknister und lodernden Lichteffekten –    wieder lebendig:  Hektisch retten Dorfbewohnerinnen wichtige Utensilien vor den Flammen. Schwester Fidelis – eine Vorläuferin der heutigen Sozialstationen und eine Institution im Ort – wird immer dann gebraucht, wenn es dringend ist. Das wissen auch Kurt und Dorle, die mit ihren Verletzungen zuerst bei ihr Hilfe suchen. Dorle stellt die Frage, ob ein evangelischer Junge in der katholischen Kirche behandelt werden darf. Da dieser den Unterschied zwischen evangelisch und katholisch noch nicht so richtig verstanden hat, erklärt Dorle ihm, dass man das schließlich spüren könne. Kurt erwidert darauf lapidar, nachdem er ihre Hand genommen hat:  ‚Ich spür‘ nichts‘.

Station 8: Adelheid von Burgund

Majestätisch wurde es dann im Hof des Gemeindehauses. Die erste Besitzerin Steinweilers gab sich die Ehre: Kaiserin Adelheid von Burgund persönlich begrüßte ihre Untertanen und verlas die Schenkungsurkunde vom 16. November 968, als ihr Gatte, Otto der Große, ihr das Hofgut Steinwilare im Speyergau schenkte. Zudem sprach sie einer neuzeitlichen Hausfrau Mut zu, ihren Mann aus dem gegenüberliegenden Wirtshaus zu holen.
Gleichzeitig erhielt Adelheid Geschichtsunterricht von einer ihr nachfolgenden, historischen Persönlichkeit, dem Fürstbischof Franz Christoph Freiherr von Hutten. Dieser reklamierte das Anwesen für sich: “Willkommen auf meiner Treppe, willkommen in meinem Hof, willkommen in meiner fürstlichen Sommerresidenz“, da er dies 1745 hatte erbauen lassen. Auch erschienen die spätere „Napoleons-Eiche“ – sie wurde nach dem zweiten Weltkrieg zu Brennholz zerhackt – und die „Napoleons-Säule“ – die „überlebt“ hatte, weil aus Stein – in dieser Schlussszene.
Den Schlussakkord läuteten das napoleonische Sommer- und Winterfest ein, mit der Feststellung, dass ‚Veränderung der Lauf der Dinge ist‘: „Wir kommen alle, und wir gehen alle!“

Zur Schlussszene war der Hof des Gemeindehauses prall gefüllt – mit den Besucherinnen und Besuchern, aber auch mit allen Darstellerinnen und Darstellern der Szenen zuvor – und bot somit für diese finale Szene eine prächtige Kulisse. Die Darstellerinnen und Darsteller sowie die Theaterwissenschaftlerin Sabine Daibel-Kaiser, die zuvor von Ortsbürgermeister Michael Detzel mit einem großen Blumenstrauß beglückwünscht wurde, posierten auf der großen Treppe für das Schlussbild – und wurden mit großem und lang anhaltendem Applaus verabschiedet.

Stäweil’rer Geschicht(l)e“ – aus verschiedenen Jahrzehnten und Jahrhunderten, an verschiedenen Plätzen und mit unterschiedlichsten, sehr ernsten und aus heutiger Sicht sehr lustigen Handlungen – wurde sehr anschaulich, informativ, lebhaft und authentisch widergegeben – wer nicht dabei war, hat etwas Einmaliges, ein Stück Ortsgeschichte, versäumt. Es war eine kurzweilige Zeitreise, perfekt von vielen freiwilligen Helfern im Vorfeld organisiert und umgesetzt. In das Stationentheater waren über 120 Personen involviert.

Danke

Einen ganz großen und herzlichen Dank an alle, die das Stationentheater in den vergangenen Monaten in irgendeiner Weise vor und während der Aufführungen unterstützt haben …

  • den 60 Darstellerinnen und Darstellern, für die umfangreichen und unermüdlichen Proben im Vorfeld und für die 12 Aufführungen an den beiden Aufführungstagen
  • dem gemischten Chor CHORios des Männergesangvereis mit der Chorleiterin Martina Kaiser in der protestantischen Kirche, verstärkt mit Sängerinnen und Sängern des Männergesangvereins und des katholischen und protestantischen Kirchenchors
  • der Organistin Sandra Kammann für das Orgelspiel in der kath. Kirche und Matthias Peck für die Technik und das Installieren von Lautsprechern und der Ortsrufanlage
  • dem Nähteam, das die Darstellerinnen und Darsteller mit ‚zeitgemäßer‘ Kleidung ausstaffierte
  • den Einlasskontrolleuren und den Wegbegleitern, die den Besuchern den ‚rechten‘ Weg von Station zu Station zeigten und darauf achteten, dass niemand ‚verloren‘ ging …
  • dem Trend-Friseur-Team mit der Inhaberin Melanie Schramm und Rebecca, die dafür sorgten, dass die Darstellerinnen und Darsteller ‚alt‘ aussahen …
  • der Eulenwächterin … und … und ganz zum Schluss
  • nochmals einen ganz besonderen Dank an die Theaterwissenschaftlerin Sabine Daibel-Kaiser, die mit Ihrer Kreativität und Ihren Ideen und mit maximalem Engagement dieses Projekt erst ermöglichte und erfolgreich inszenierte.

Einen weiteren Dank an

  • Stefanie Bohlender für den zeitintensiven Kartenvorverkauf
  • den Eigentürmern der einzelnen Aufführungsorte, die ihre Anwesen zur Verfügung stellten
  • Danke auch an die Feuerwehr und die Landjugend, die an beiden Tagen die Verköstigung der hungrigen und durstigen Besucherinnen und Besucher nach den Aufführungen übernommen hatten. Bis in den späten Abend war ‚viel Betrieb‘ um und im Feuerwehrgerätehaus.
  • Vielen Dank auch den Anliegern für das Verständnis, die durch Umleitungen, Parkverbote und Geschwindigkeitsreduzierungen einige Mobilitätseinschränkungen hinnehmen mussten.

Michael Detzel, Ortsbürgermeister

Fotos der Veranstaltung und der Darsteller finden Sie hier